45. Hugenottentag in Hamburg

Empfang im Rathaus

Vom 11. bis 13. Mai 2007 hat in Hamburg der 45. Hugenottentag stattgefunden. Wir haben für Sie ein paar Bilder der vielfältigen Veranstaltungen in einer Galerie zusammengestellt.

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Interview mit Pastorin Dorothee Löhr

Aus dem Gemeindeblatt April 2007

G: Hugenotten nennt man die reformierten (calvinistischen) Christen aus Frankreich, die dort verfolgt wurden und in viele europäische Länder geflohen sind (Réfugiés). Was ist in den letzten dreihundert Jahren aus den Hugenotten geworden? Sind sie noch immer reformiert?

L: Heute leben die Nachkommen der Hugenotten verstreut in aller Welt. Der heutigen kleinen, aber einflussreichen reformierten Kirche in Frankreich gehört nur noch etwa 1 Prozent der Gesamtbevölkerung an. Von den 170.000 reformierten Franzosen flohen ca. 50.000 nach England und Irland, 50.000 nach Belgien und in die Niederlande, und 30.000 in die Schweiz. Kleinere Gruppen kamen auch nach Dänemark und Schweden, nach Russland, in die USA, nach Kanada und nach Südafrika, wo sie erfolgreiche Weinbauer am Kap wurden. Im Zuge ihrer meist sehr erfolgreichen Integration haben sie sich sowohl an die neuen Sprachen als zum Teil auch an die konfessionellen Gegebenheiten angepasst. Nicht alle Nachkommen sind deshalb heute noch reformiert.

1509-1564 Johannes Calvin, französischer Reformator

1559 Erste Nationalsynode der reformierten Christen Frankreichs in Paris

1562-1598 1.-8. Hugenottenkrieg

23.8.1572 Bartholomäusnacht in Paris (Blutbad unter Hugenotten anlässlich der Hochzeit des protestantischen späteren Königs Heinrich IV. mit der katholischen Tochter Maria von Medici)

13.4.1598 Erlass des Toleranzedikts von Nantes durch Heinrich IV.

28.10.1626 Fall der Festung La Rochelle. Verlust des letzten Sicherheitsplatzes der französischen Reformierten in Frankreich

1681 Beginn der Dragonaden (= Bekehrung durch Einquartierung), Zwangsrekrutierung als Galeerensträflinge

18.10.1685 Aufhebung des Toleranzediktes von Nantes durch Ludwig XIV. und Flucht von über 200 000 Hugenotten in alle Welt

29.10.1685 Aufnahme in Preußen durch den Großen Kurfürsten (Edikt von Potsdam)

1890 Gründung der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft mit Sitz in Bad Karlshafen.

G: Wo in Deutschland sind sie in größerer Anzahl vertreten? Gibt es heute noch französisch-reformierte Gemeinden oder gar (Landes-)Kirchen? Unterscheiden sich französisch Reformierte von anderen Reformierten im theologischen Denken oder in ihren Traditionen?

L: Nach Deutschland kamen ca. 44 Tausend. Davon gingen die meisten nach Brandenburg-Preußen (20.000), - jeder fünfte Berliner war ein Hugenott - andere nach Hessen-Kassel, ins Rhein-Main-Gebiet, in die Kurpfalz, nach Franken, Württemberg, in die Hansestädte und nach Niedersachsen.
Vielerorts vereinigten sich die französisch-reformierten Gemeinden im Zuge der Assimilation mit den deutsch-reformierten oder wallonisch-niederländischen Gemeinden am Ort.
Einige Gemeinden haben aber trotz meist deutschsprachiger Gottesdienste ihre französische Identität bewahrt: z.B. die Französisch-reformierten Gemeinden in Frankfurt und Offenbach, die Französischen Kirchen in Berlin und Potsdam (außerdem: Groß Ziethen, Klein Ziethen, Senftenhütte, Prenzlau, Schwedt/Oder und Bergholz).
Kurhessen-Waldeck hat zwar viele wunderschöne Hugenottenkirchen, das eigenständig Reformierte ist aber im Zuge der Union verloren gegangen.
Die Kirchengemeinden, in denen die alten Hugenottengemeinden aufgingen, im Norden Deutschlands, aber auch in Franken, Sachsen und Baden-Württemberg, sind ihrem reformierten Bekenntnis zumeist treu geblieben.
Die Melodien des Hugenottenpsalters sind bis heute fester Bestandteil der ehemaligen Hugenottenkirchen aus den unterschiedlichsten Gliedkirchen der EKD. Viele dieser Gemeinden sind auch Mitglied im Reformierten Bund.

G: Auf der Einladung ist ein Hugenottenkreuz abgebildet. Manche Hugenotten tragen es als Anhänger. Welche Bedeutung hat dieses Kreuz?

L: Das weltweit verbreitete Hugenottenkreuz ist besonders in Frankreich zu einem Erkennungszeichen der reformierten Christen geworden. Ein Goldschmied in Nîmes soll es 1688 entworfen und hergestellt haben.
Es geht zurück auf den von Heinrich III. von Frankreich 1578 gestifteten Orden Saint Esprit (Orden vom Heiligen Geist), der auf den mittelalterlichen Johannitern gründet. Im Unterschied zu diesem Orden, der die Taube im Zentrum des Kreuzes zeigt, hat das Hugenottenkreuz eine herabhängende Taube als Zeichen des Heiligen Geistes. Manchmal sind zwischen den Kreuzesarmen Lilien als Ausdruck der Königstreue der Hugenotten erkennbar und an den Kreuzesspitzen auch Tränen als Zeichen der Leiden der verfolgten Kirche.

Siegel der Französisch-reformierten Gemeinde Altona

G: Wie ist es den Hugenotten in Hamburg ergangen? Bis zum großen Zusammenschluss 1976 gab es ja Französisch Reformierte: Wie war ihr Verhältnis zu den deutschsprachigen und zu den niederländischen Reformierten in der Stadt?

L: Die deutschen, niederländischen und französischen Gemeindeteile in Altona und Hamburg lebten keineswegs immer im Frieden miteinander, weshalb die gemeinsame Nutzung eines Gotteshauses immer wieder Probleme mit sich brachte. Schon nachdem die erste gemeinsame Kirche an der Kleinen Freiheit 1645 abgebrannt war, entschied man sich zum Bau zweier Kirchen nebeneinander. In Hamburg, wo der nichtlutherische Kirchbau ja bis 1785 verboten war, trafen die deutsch-reformierten sich beim niederländischen und die französisch-reformierten beim preussischen Gesandten in deren Privatkapellen, bis sie eigene Gebäude bekamen.

G: Es gibt in der Hamburger Stadtgeschichte berühmte französische Namen. Welche politische und soziale Rolle spielten die Hugenotten in Hamburg? Waren sie alle wohlhabende Kaufleute? Oder gab es auch „arme“ Hugenotten?

L: Natürlich gab es auch arme Hugenotten. In manchen Gemeinden wurde und wird bis heute in jedem Gottesdienst für sie gesammelt mit der liturgischen Formel: „und vergesst die Armen nicht“. Das Diakonen-Amt war in jedem Konsistorium und Presbyterium besetzt. Und die armen Glaubensgenossen, die sich von den Folgen ihrer Flucht nicht mehr erholen konnten, bekamen eine Leibrente. Besonders schlimm hatte es diejenigen getroffen, die in die Hände der Soldaten gefallen waren: Die so genannten Dragonaden waren die Zwangsbesetzung durch Soldaten in den reformierten Häusern zum Zwecke der Rekatholisierung. Schlimm erging es auch den verschleppten Galeerensträflingen. Sie konnten sich nach der Zeit ihrer Leiden wenigstens der Unterstützung ihrer Gemeinden sicher sein, denn die kaufmännisch Geschickten sorgten dafür, dass die Diakoniekasse auch flüssig blieb. Man sagt, die ersten Millionäre Hamburgs seien Hugenotten gewesen.
Damit bewahrheitete sich die Erfahrung: Wer sich in der Fremde nützlich macht, dem öffnen sich die Tore zur Integration und Assimilation. Das erfuhren in Hamburg und Altona etwa die Hugenottenfamilien Texier, Boyer, Bertheau, Vidal, His, Boué und Godeffroy.
Sie prägten die Hansestadt und gaben besonders auch Altona entschiedene Impulse zur wirtschaftlichen Blüte. Drei Beispiele machten Stadtgeschichte:

  1. Pierre Boué (1677-1745) wurde vom Vater in Bordeaux über Holland und Dänemark nach Altona geschmuggelt, wo er beim zuvor geflüchteten Onkel unterkam, eine Hamburgerin heiratete und mit Wein, Zucker und Kaffee handelte. Bald kamen Schiffbau, Holz und Kohlehandel hinzu. Am wichtigsten wurden jedoch seine Geldtransaktionen, so dass ihn Friedrich der Große nach Berlin zur Gründung einer Staatsbank beorderte, seinem Ärger über die „Herren Blutsauger“ aber in einem Gedicht Luft machte.
  2. Der aus Rouen stammende, dort zwangsweise katholisch getaufte, in Hamburg sehr vermögende Pierre His (1692-1760) zeigte im Alter seinen Freunden gern einen Stab: „das ist alles, was ich nach Hamburg mitbrachte“, erzählte der mit den Boués verschwägerte Kattunkaufmann, Wechselhändler, Lotteriebetreiber und Prisenhöker ausländischer Beuteschiffe, der zeitlebens steuerlichen „Fremdenschoss“ an Hamburg zahlte, also nicht ihr Bürger wurde, aber als dänischer Agent die französische Subsidien nach Kopenhagen und Berlin leitete. Sonntags verließ er seine geladenen Gäste sogar beim Auftragen des Bratens, um ein zweites Mal in die Kirche zu gehen.
  3. Deutliche Spuren haben die aus La Rochelle stammenden Godeffroys in den Elbvororten hinterlassen. César III. Godeffroy, in Berlin geborener Tuchhändlersohn, stieg 1737 in die Dienste des Handelshauses seines Glaubensbruders Pierre Boué ein, wurde Hamburger Bürger und diente der Gemeinde als Kassierer, Armenpfleger und Diakon. Seine Söhne César IV. und Pierre entwickelten Pioniergeist in der Überseeschifffahrt und erwarben bald darauf mehrere Bauernhöfe in Dockenhuden, arrondierten das Areal und hinterließen der Nachwelt den Hirschpark sowie die beiden an der Elbchaussee von C.F. Hansen gebauten Herrenhäuser.

Nur einer konnte sie an Ruhm und Reichtum übertreffen. César VI. Godeffroy. Der “ungekrönte König der Südsee”, weil er Wirtschaft und Handel der Pazifischen Inseln erschloss, erwarb gigantische Ländereien zwischen Nienstedten und Wedel, forstete sie auf und verschaffte dem Hamburger Westen die “grüne Lunge” zwischen Falkenstein und Klövensteen.

G: Warum kommt der Hugenottentag nach Hamburg?

L: Der letzte Hugenottentag in Hamburg wurde vor 30 Jahren, 1976, im Jahr der Gemeindevereinigung ausgerichtet. Höchste Zeit, dass er mal wieder hier stattfindet!
Veranstaltet werden die Hugenottentage in Orten, in denen sich einst Hugenotten angesiedelt hatten. Die vergangenen Hugenottentage wurden in Celle (1994), Dresden (1996), Ludweiler/Saarland (1998), Dresden (1998), Offenbach (1999), Neu Isenburg (2001), Emden (2003) und in Schwedt/Oder (2005) gefeiert. Die Hugenottentage sind einerseits ein wichtiger Treffpunkt für die in ganz Deutschland verstreut lebenden Mitglieder der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e.V. andererseits sind sie ein wichtiger Ort der Begegnung mit zumeist evangelisch-reformierten Kirchengemeinden vor Ort, in denen auch das Erbe der Hugenotten weiterlebt.
Mit der Vergabe dieses alle zwei Jahre stattfindenden Hugenottentages nach Hamburg wird der hugenottischen Tradition dieser Stadt wie auch der Evangelisch-reformierten Kirche in Hamburg Reverenz erwiesen. Zudem wird damit deutlich, dass es nicht nur in Preußen (so die oft einseitige Geschichtswahrnehmung), sondern auch in Norddeutschland zur Ansiedlung hugenottischer Glaubensflüchtlinge kam.

G: Welche Ziele verfolgt die Deutsche Hugenottengesellschaft?

L: Dazu habe ich ihren derzeitigen Präsidenten Pastor Dr. Andreas Flick befragt:
Die wichtigsten Aufgaben der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft lauten heutzutage:

  • Bewahrung und Förderung der hugenottischen Tradition in Deutschland
  • Erforschung der Geschichte, Theologie und Genealogie der Hugenotten
  • Vertiefung der deutsch-französischen Freundschaft
  • Zusammenarbeit mit hugenottischen Einrichtungen und Gemeinden im In- und Ausland
  • Diakonische Hilfeleistung für Arme und Flüchtlinge
  • Förderung der Verständigung zwischen den Völkern, Rassen und Religionen im Geiste gegenseitiger Achtung und Toleranz.

An diesen Punkten lässt sich ablesen, dass die Deutsche Hugenotten-Gesellschaft weitaus mehr ist als ein Geschichts- bzw. Genealogenverein, der sich nur mit Fragen der Vergangenheit befasst.
Seit 1989 existiert in einer alten Tabakfabrik im hessischen Weserort Bad Karlshafen das Deutsche Hugenotten-Zentrum. Zum einen beherbergt es auf zwei Etagen das Deutsche Hugenotten-Museum. Dieses dokumentiert die Geschichte der Hugenotten und Waldenser in Frankreich und im deutschen Refuge, wobei Hessen-Kassel, Brandenburg-Preußen und Franken die Schwerpunkte bilden. Es ist zudem ein bedeutsames Museum für einen Teilbereich des reformierten Protestanstismus in Deutschland.
Zum anderen ist das Deutsche Hugenotten-Zentrum in Bad Karlshafen auch das Domizil der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e.V. Diese verfügt neben der Geschäftsstelle über eine viele tausend Bände umfassende Spezialbibliothek sowie ein Bildarchiv zur Hugenottenforschung. Ferner befindet sich dort das genealogische Forschungszentrum der Gesellschaft, in dem auch regelmäßige genealogische Fortbildungen für die Vereinsmitglieder organisiert werden.
Zu den regelmäßigen Veröffentlichungen der Gesellschaft zählen die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift HUGENOTTEN und die 1890 begründete wissenschaftliche Buchreihe der Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft. Anlässlich des Hamburger Hugenottentages wird in dieser Reihe im Mai das Buch von Götz Mavius „Die Evangelisch-reformierten Gemeinden in Stade, Hamburg und Altona. Ihre Pastoren und Kirchen 1588-2007“ erscheinen.

Das Interview führte Ulrike Krumm