Optis, Flauten und Kaperfahrt oder: 8 Knoten bei ½ Wind

Bericht von der Segelfreizeit, 15.- 20. Mai 2009

Am Freitag ging es los! Auf zu unserer vierten Segelfreizeit nach Ratzeburg. Bereits einige Tage vorher hatten die Mannen des Bille-Wander-Segel-Vereins gemeinsam mit den vereinten Kräften von Vitali, Sven Schwarz und Reiner Kuhn die 8 Optimisten-Jollen zu unserem Piraten-Nest am Dom-See gebracht. Die Boote lagen erwartungsvoll auf dem Rasen, Masten und Segel waren bereit gestellt, die Leinen aufgeschossen und die Enterhaken gespitzt.

Aber bevor wir auf unsere erste Kaperfahrt gehen konnten, wollten wir doch erst mal segeln lernen. Wir, das waren die Offiziere: Clara, Nils, Jörn, Reiner, die angehenden Piraten, oder besser: 19 Piratinnen und 2 Schiffsjungen und ich, Holger. Erster Segellehrgang beim Bootsmann Jörn: Achtknoten bei halbem Wind, sind das nur vier Knoten? Und warum muss man einen Knoten langsam knüpfen und segelt einen Knoten schnell? Wie viele Piraten gehen in einen Opti, bevor er untergeht? Warum kann man im Zick-Zack gegen den Wind segeln? Warum wird Nils nicht nass? Und, Ole hol mal noch eine Sprit, nein nicht die Cola, sondern die Stenge. Alles klar? Also, die ersten Tage waren schon verwirrend, und überall dieses Seemannsgarn, das sich einem um die Füße wickelt und uns zum Stolpern bringt.

Und dann ist Flaute! Nix. Totenstille. Wasser wie Öl. Zähes Treiben auf dem See. Die ersten gehen über Bord. Zum Baden. Eisig kalt noch das Wasser, drohende Seeungeheuer und Schlingpflanzen in der Tiefe halten die verzweifelte Mannschaft nicht davon ab, sich todesmutig in die Tiefe zu stürzen.

Abends Gelage am Lagerfeuer. Aber statt wildem Gegröle von wüsten Liedern spielt Jörn Kirchentag-Shanties auf der Gitarre. Endlich mal einer auf meiner Seite, denkt Reiner. Die wüsten Lieder wurden dann von den 19 Piratinnen und 2 Schiffsjungen zu meinem Geburtstag gesungen: „Viel Glück und viel Segeln“ oder so...

Wir müssen Antonia befreien! Aus den Händen böser Krankenschwestern im Siechenhaus von Ratzeburg. Sie hatte eins über den Schädel bekommen, im Kampf, lag bewusstlos im Schiff, da haben sie sie geschnappt. Wir also – natürlich bei Nacht – in die Ruderboote. Fackeln werden angezündet, die Säbel liegen bereit. Vier Boote machen sich auf den Weg, bis unter die Zähne bewaffnet, schleichen über den See, am Dom vorbei - ja in welche Richtung? Hm, also das Krankenhaus ist doch etwas weiter vom Wasser entfernt als wir dachten und sooo böse waren die Krankenschwestern vielleicht doch nicht? Inzwischen haben alle Seebeine, niemand füttert mehr die Fische. Eine Hand an die Schot, eine Hand an der Pinne, Dolch zwischen die Zähne, Blick in den Mast und los geht es über den See. Kurz mal zum Yachthafen geschaut, ob dort fette Beute lauert und dann schnell zurück, bevor sie uns erwischen. Richtig hart wird es bei der Regatta. Keine Gefangenen. Da wird dem Teufel ein Ohr abgesegelt. Die Optis krängen stark, die Leinen stöhnen, Gischt spuckt über die Reling. Wer gewinnt? Ist auch egal! Hauptsache die Fetzen fliegen und Kap Horn liegt voraus. Erschauernde Eltern stehen am Ufer mit schweißnassen Händen und umarmen ihre Töchter und Söhne, zurück von wilder Fahrt über den weiten Ratzeburger See. Alle tragen Bart und Augenklappe. Jedenfalls in meiner Erinnerung.

Holger Wendt